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„Ist nicht schon alles erforscht?“

Hauptraum der Bibliothek des Musikwissenschaftlichen Seminars

 

Diese bange Frage (oder auch die Hoffnung, die hinter ihr steht) haben sich schon zahlreiche Generationen gestellt. Und stets ist sie von einer anderen Realität eingeholt worden. Warum?


Erstens: Jede Antwort, die auf eine wissenschaftliche Fragestellung versucht wird, wirft neue Fragen auf; ein Thema, für das sich keine Fragen (mehr) stellen, ist wissenschaftlich tot. Gerade die traditionellen Hotspots der Musikgeschichte (Bach, Mozart, …) zeigen: Je mehr Forschungsarbeit geleistet wird, desto vielfältiger (und diffiziler) werden die Fragen.


Zweitens: Jede Generation schafft sich ihre Kunstvorstellungen neu. Die Zeiten, in denen es einen starren, festgefügten Kulturkanon gab, sind vorbei; wo die Musikkultur in 50 Jahren steht, weiß keiner. Das liegt irgendwann in den Händen der derzeitigen Abiturientinnen und Abiturienten – die folglich eigenständig neue Fragen stellen müssen!


Drittens: Die ältere Musik erfreut sich einer konstanten, ungebrochenen Beliebtheit – lediglich mit einem Wechsel der Schwerpunktsetzungen. Gerade dieser Wechsel wirft dauernd neue Fragen auf, erst recht in den Bereichen, die seit der Jahrtausendwende von einer völlig neuen Zugänglichkeit alter Quellen profitieren. Diese liegen nicht mehr hermetisch abgeschirmt in den Magazinen der Bibliotheken, sondern sind für alle offen zugänglich geworden: in hochauflösenden Digitalisaten im Internet!


Viertens: Themenbereiche, die neu erschlossen werden, sind keineswegs „randständig“, also bloße Lückenfüller des schon vorab bestehenden Musikgeschehens. Niemand hätte in der Mitte des 20. Jahrhunderts die Alte-Musik-Bewegung vorhersehen können – und, damit verbunden, das Interesse an den Werken, die diese Musikpraxis wieder ans Tageslicht geholt hat. Die Musikwissenschaft hat es nicht leicht, mit diesem explodierenden Repertoire Schritt zu halten. Dasselbe gilt für die Musik der italienischen Renaissance: Niemand in der ersten Jahrhunderthälfte konnte ahnen, in welcher Weise sie einmal die Menschen begeistern werde. Und über all dem sieht man, dass wir auch zur Musikgeschichte des 18.–20. Jahrhunderts keine nachhaltig tragfähige Beziehung haben…
 

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